Projekte PUSH
PUSH-Projekt "Junge WissenschaftlerInnen treffen SchülerInnen"
- Theaterpädagogik im naturwissenschaftlichen Unterricht -
(Die komplette Dokumentation können Sie sich als pdf-Datei herunterladen, indem
Sie hier klicken.)
"Kein Bock auf Naturwissenschaft und
Technik?!" "Geht dem Land der Nachwuchs aus?" So oder ähnlich
lauten die fragenden Schlagzeilen seit einigen Jahren. Tatsache ist, dass sich
immer weniger Schüler für naturwissenschaftliche oder technische Berufe und
Ausbildungen interessieren und entscheiden. Vielfältig sind die Gründe und
die Aktivitäten, die durch den Mangel und das Desinteresse ausgelöst wurden.
"Wissenschaft im Dialog", "Wissenschaft macht Schule",
PUSH" sind nur einige Stichworte für diese Aktivitäten, alle ins Leben
gerufen mit dem Ziel, Naturwissenschaft und Technik dem Schüler und der
Schülerin wieder schmackhafter und interessanter zu machen. Über die Gründe
ist viel geschrieben und untersucht worden. Auch hier nur einige Stichworte
aus zwei Studien:
- Naturwissenschaftliche Fächer wie Mathe, Physik und Chemie gelten für
viele Schüler als "Horrorfächer". Chemie und Physik gelten unter
Schülern als "zu abstrakt, zu anspruchsvoll und zu wenig lebensnah,
als zu wenig attraktiv".
- Demotivierte, ausgebrannte Lehrer wegen schlechter
Unterrichtsbedingungen, große Klassen, schlechte Ausstattung,
Unterrichtsausfall, isolierter Fachunterricht statt fächerübergreifend,
starre Lehrpläne ...
- Und letztlich auch das Elternhaus: Familienstrukturen haben sich
geändert und Spielweisen mit der Folge, dass Kinder selber kaum noch
basteln, Bauen, auf Entdeckungsreise gehen. Technisches Spielzeug wird
meist komplett fertig angeliefert und konsumiert. Nicht nur in der Familie
auch in der Schule mangelt es offensichtlich an Vorbildern, die neugierig
auf naturwissenschaftliche und technische Fragen machen.
Die LAG Theaterpädagogik und der Wissenschaftsladen e.V. konzipierten auf
diesem Hintergrund ein Modellprojekt "Junge Wissenschaftler treffen
Schüler - Theater und Naturwissenschaften". Gefördert wurde das
Projekt aus Mitteln des Aktionsprogramms "Public Understanding of Science
and Humanities" (PUSH) der Landesstiftung Baden-Württemberg. Bei zwei
eineinhalbtägigen Workshops trafen sich Schüler mit jungen Wissenschaftlern
aus der Landschaftsplanung, Biologie, Biochemie, Chemie und Physik. Die
Themen, die sie sich für die Schüler/innen ausgesucht hatten, waren
anspruchsvoll: Was ist Laserlicht? Wie kann man Moleküle sehen? Was passiert
im Hirn, wenn wir Angst haben? Was ist eine Stammzelle, was ist ethisch zu
bedenken? Welche Bedeutung hat die Vorstellung von vernetzten Systemen für
die Ökologie? (Siehe Kasten).
Mit unserem Konzept greifen wir auf unterschiedlichen Ebenen Gründe für
die mangelnde Attraktivität naturwissenschaftlich-technischen Unterrichts und
entsprechender Berufe auf und versuchen es mit einem Gegenentwurf:
- Mangel an Vorbildern: Die Beteiligung gerade junger
Nachwuchswissenschaftler, die noch keinen allzu großen Altersunterschied
zu den Schülern aufweisen, kann motivieren. Das Umgehen miteinander ist,
wie unser Projekte zeigte, ungezwungener, die Verständigung leichter.
Jede Schule hat bei der Vielzahl von Hochschulen und Universitäten in
nicht allzu großer Entfernung die Möglichkeit, zu Projekttagen oder zum
fächerübergreifenden Unterricht junge Wissenschaftler in die Schulen
einzuladen oder diese in ihren Laboren und Forschungsstätten zu besuchen.
Förderprogramme z.B. der Robert-Bosch-Stiftung, der Landesstiftung oder
durch Sponsoren der Industrie können helfen, derartige Aktivitäten zu
finanzieren. Zunehmend entstehen daraus echte Partnerschaften.
- Eindimensionaler Unterricht: Theaterpädagogik hilft mit allen Sinnen,
auch abstrakten Stoff im wahrsten Sinne der Worte zu "begreifen" und
zu "erfahren": Was passiert, wenn ein Elektron auf eine
Molekülstruktur trifft? Was ist ein vernetztes System? Wie kühlen Laser
Atome? Wie funktioniert Zell-Zell-Kommunikation? usw.
- Naturwissenschaftlich-technischer Unterricht als "Horror":
Theaterpädagogische Zugänge helfen, sich den komplizierten Sachverhalten
und Phänomenen spielerisch zu nähern, machen neugierig, den Dingen auf
den Grund zu gehen. Sie bringen Bewegung in den Unterricht. Dabei geht es
nicht um Trivialisierung komplexer Materien. Auch Komplexes lässt sich
Stufe für Stufe "in Szene setzen". Fragen wie, "was
passiert im Hirn bei Angst?", lassen sich Schritt für Schritt
darstellen, jeder beteiligte Schüler ist ein spezifischer Bestandteil des
Regelkreislaufs, der sich in Zeitlupe oder auch im Zeitraffer abspielen
und darstellen lässt.
- Und so ganz nebenbei lernt man mit Theaterpädagogik auch
Präsentationstechniken und -stile, gewinnt Vertrauen, sich vorne
hinzustellen, und lernt, rhetorisches Geschick zu entfalten.
Theaterpädagogik alleine ist natürlich nicht die Lösung. Und wenn sie zu
oft eingesetzt würde, dann, wie ein Schüler hierzu während des Workshops
formulierte, "wird es auch langweilig". Neben den grundlegenden
Punkten wie Klassengrößen, Ausstattung der Unterrichtsräume, Aus- und
Weiterbildung der Lehrer sind es aber auch Punkte wie lebensnahe Inhalte,
gestalterischer Umgang, problemorientierter Unterricht, fächerübergreifende
Ansätze oder Projektunterricht
Zur Methodik der Theaterpädagogik bei der Vermittlung von naturwissenschaftlichen
Themen (Otto Seitz)
Wer in den Naturwissenschaften forscht oder unterrichtet, denkt in der
Regel in diesem Arbeitsfeld kaum an Theater oder Theaterpädagogik. Hier die
exakten Wissenschaften, dort die kreativen und künstlerischen Formen. Wo
sollte da eine Brücke, eine Verbindung sein?
In dem Projekt "Junge Wissenschaftler treffen Schüler", also bei
der Vermittlung von Naturwissenschaften an SchülerInnen gab es überzeugende
Verknüpfungen zwischen diesen unterschiedlichen Wissenschaften und Methoden.
Die Theaterpädagogik ist noch eine junge Wissenschaft, entstanden in den
siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Berufsbild eines
Theaterpädagogen und die Suche nach einer fachlichen Theorie sind noch in
einem produktiven Fluss. Theaterpädagogen bewegen sich bei ihren Projekten
zwischen den Schnittmengen eines zu bearbeitenden Themas, der Suche nach
künstlerischer Ausdrucksformen unter Anwendung von ganzheitlich spielerischen
Methoden. Was kann ein solcher Ansatz bei der Vermittlung von
Naturwissenschaften bringen? Bei den Vorüberlegungen und der Antragsstellung
gingen wir von der Hypothese aus, dass die Theaterpädagogik den
Kennlernprozess von Naturwissenschaftlern und Schülern beschleunigen und
intensivieren werde. Deshalb sollte jedes gemeinsame Treffen mit einem
theaterpädagogischen "Warming-up" begonnen werden.
Eine weitere Hypothese ging davon aus, dass durch den Einsatz von
spielerischen Methoden und künstlerischen Präsentationsformen den Schülern
der Zugang zu naturwissenschaftlichen Inhalten erleichtert werde und die
Motivation sich mit naturwissenschaftlichen Themen auseinander zu setzen,
wachsen werde.
Mit Hilfe von Kurzvorträgen, mit Einsatz von Folien, Powerpoint, Flipchart
und theaterpädagogischen Techniken wie Denkmalbau oder Theatermaschinen
wurden in den so genannten Foren die fachlichen Inhalte durch die
Wissenschaftler weitergegeben Siehe Kasten). Anschließend hatten alle Gruppen
die Aufgabe mit theaterpädagogischen Methoden eine Präsentation der Inhalte
vorzubereiten und dann vor den andern Gruppen / Foren aufzuführen. Hier
wurden Formen der kollektiven Regie genutzt. Wer eine Idee zur Umsetzung
hatte, formte die andern Gruppenmitglieder und gestaltete den szenischen
Ablauf. Nach jedem szenischen Spiel wurden die Ergebnisse reflektiert und das
Gruppenmitglied, das einen Verbesserungsvorschlag hatte, war der neue
Regisseur. Durch dieses Lernen im Prozess, try and error, wurden die
dargestellten Modelle zunehmend differenzierter und komplexer. Bei der
Präsentation vor den Gruppen aus den andern Foren, wurden von den Zuschauern
die stimmigen Darstellungsmomente benannt. Ebenso erhielt die Gruppe
Rückmeldungen über die Gesichtspunkte, die noch fehlen oder unklar waren. So
wurden im Lasermodell nach diesen Rückmeldungen, die Photonen nicht mehr als
Personen dargestellt, sondern um auch den Aspekt der Größenverhältnisse zu
berücksichtigen als kleine Papierkugeln, die bei Weitergabe die
unterschiedlichen Energieniveaus auslösten (siehe Beispiel "Forum
Physik").
Forum Physik Wie funktioniert ein Laser?
Bei der Präsentation dieses Themas stellte die ganze Gruppe Atome in
einem Laser dar.
Einmal waren sie alle angeregt und im zweiten Teil alle abgeregt.
Im angeregten Zustand stehen alle Darsteller aufrecht. Es wird ein
Photon (Symbol Faust) von hinten als Impuls, als kleiner Stoß
weitergegeben. Nach dem Weitergeben geht die Person in die Hocke, also in
einen abgeregten Zustand. Durch die Weitergabe der Impulse (kleine
Fauststöße) kommen vorne als Ergebnis zehn Fäuste, also Photonen heraus
und alle Personen sind in der Hocke, also nun im abreicherten Zustand.
Darstellung im abreicherten Zustand - alle Darsteller in der Hocke.
Wenn jetzt ein Photon als kleiner Fauststoß weitergegeben wird, steht
diese Person auf- geht in den angereicherten Zustand und gibt den Impuls
in eine willkürliche Richtung weiter und geht wieder in die Hocke =
abgeregter Zustand.
Der unterschiedliche Energiezustand der Atome wird durch die
unterschiedlichen Haltungen (Hocke oder aufrechter Stand) erlebt und
ebenso wird die verstärkende Wirkung eines Lasers mit angereicherten
Atomen erfahrbar.
Im Verlauf des Projektes wurden Verbesserungen und Differenzierung am
spielerischen Modell entwickelt. So wurden die Photonen als Fäden oder
kleine Papierbälle dargestellt, um auch die unterschiedlichen
Größenverhältnisse von Atom und Photon zu berücksichtigen. Auch
bewegten sich die Spieler wellenförmig über den Bühnenraum. Für die
unterschiedlichen Geschwindigkeiten, wurden keine befriedigenden Lösungen
entwickelt. Es war höchst spannend zu erleben, wie alle Schüler und
Wissenschaftler versuchten, weiterführende Informationen in das Modell
einzubauen und kreative Gestaltungsmöglichkeiten zu finden.
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Resümee
Nach erfolgreichem Verlauf der Infotreffen mit den Wissenschaftlern und den
beiden Workshopblöcken im Juli und September 2003 und der abschließenden
Präsentationsveranstaltung mit Interessierten aus naturwissenschaftlichen und
theaterpädagogischen Arbeitsfeldern geht es jetzt um eine kritische
Einschätzung von Zielen und Ergebnissen beim Einsatz von
theaterpädagogischen Methoden bei diesem Projekt.
Besonderes Merkmal bei allen Veranstaltungen war der Einsatz von
theaterpädagogischem Handwerkszeug. Diese Methoden ermöglichten durch
spielerischen Zugang und bildhafte Darstellung mit dem eigenen Körper die
Annäherung an naturwissenschaftliche Themenbereiche mit allen Sinnen.
Die Wirksamkeit der theaterpädagogischen Methoden wurde sowohl beim
Kennenlernprozess der unterschiedlichen und untereinander fremden Gruppen der
Schüler und Naturwissenschaftler wie auch bei der Einführung in die
theaterpädagogische Methodik und bei der Veranschaulichung inhaltlicher
Themen deutlich.
Ein spontan entwickeltes Theaterbild oder eine Theatermaschine sagt mehr
als tausend Worte und vermittelt über die Körpersprache und die Emotionen
der Spieler beim Zuschauer persönliche Anteilnahme. Das erinnert an die
Position von Aristoteles über die Hauptwirkung von Theater auf Zuschauer. In
seiner Poetik wird in der griechischen Tragödie die Katharsis, die reinigende
Wirkung beim Zuschauer durch Furcht und Mitleid erzielt, durch Einfühlung in
das Gesehene und Erlebte. Hier ist nach meiner Meinung die Ursache für die
Kraft der Theaterbilder zu finden, die selbst nach vielen Jahren einzelne
szenische Bilder aus Improvisationen und Theaterstücken in der Erinnerung
lebendig bleiben lässt.
Wie bei einem Eisberg, ein Siebtel ragt nur aus dem Wasser, sollte bei
einer Theaterpräsentation sechs Anteile auf die körperliche Darstellung
entfallen und die Sprache wie die Spitze des Eisbergs nur einen Anteil
umfassen.
Der ganzheitliche und spielerische methodische Ansatz der
Theaterpädagogik, der ein Lernen mit allen Sinnen nutzt, hat bei Schülern
und Wissenschaftlern eine hohe Akzeptanz erfahren, obwohl dies bei
anfänglicher Skepsis kaum zu erwarten war. Dieses positive Fazit, das sich
durch viele Äußerungen aus der Schlussrunde von Schülern, Wissenschaftlern
und Interessierten untermauern lässt, sollte dennoch in weiteren Projekten
auf Stärken und Schwächen des theaterpädagogischen Ansatzes kritisch
überprüft werden. Dabei sollte auf folgende Fragen Antworten gefunden
werden: Was kann Theaterpädagogik beim Vermittlungsprozess
naturwissenschaftlicher Themen und im Schulunterricht leisten? Welche
Möglichkeiten bieten ästhetische und künstlerische Formen im Rahmen einer
Öffentlichkeitsarbeit bei diesen Themen? Wo sind die Grenzen dieser Methode?
Die Erfahrungen dieses Projekts werden nun in Lehrerfortbildungen
fließen, die wir gemeinsam mit dem Oberschulamt Tübingen organisieren und
anbieten werden.
Das Projekt wird in Wort und Bild dokumentiert. Die schriftliche
Dokumentation und eine filmische Präsentation auf DVD dienen auch zur
Vorbereitung und Gestaltung der Fortbildungsveranstaltungen oder für Projekte
in Schulen. Beide Dokumentationen können beim Wissenschaftsladen e.V.
angefordert werden.
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